04/2022 – Interview mit Franzobel

Foto: niki schreinlechner photography

Hallo Stefan. Ich falle gleich mit der Tür ins Haus: Zuletzt warst du in Afrika und Amerika und jedes Mal erschienen große Romane. Vor kurzem warst du in Dänemark. Wird aus dieser Reise wieder ein Buch entstehen?

Nicht unmittelbar. Für mein übernächstes Buch sollte ich nach Grönland, und da gehört Dänemark irgendwie dazu, aber primär war das jetzt eine Lesereise, da „Das Floß der Medusa“ auf Dänisch erschienen ist.

Du deckst als Autor ja ein sehr breites Spektrum ab, seit „Floß der Medusa“ und „Die Entdeckung Amerikas“ auch den Historischen Roman. Wirst du dabei bleiben, oder wird es beispielsweise auch wieder einen Krimi mit dem Kommissar Groschen geben?

Momentan finde ich die historischen Romane recht reizvoll, weil es mir Vergnügen macht, mich in andere Zeiten hineinzuarbeiten, viel zu recherchieren und zu reisen. Wenn diese Art der Arbeit aber zu routiniert wird und sich die Abläufe zu häufig wiederholen, kann es sein, dass ich wieder etwas ganz anderes machen will. Ob es einen weiteren Groschen-Krimi geben wird, weiß ich nicht, das hängt sehr davon ab, ob mir ein guter Stoff zufliegt, aber eine interessante Art der Leichenbeseitigung hätte ich bereits, die Fermentierung.

Du wurdest für deine schriftstellerische Arbeit mehrfach ausgezeichnet. Unter anderem warst Du auch der erste Preisträger des Fine Crime Awards im Jahr 2019. Wie viel bedeuten Dir solche Auszeichnungen?

Sie schmeicheln und sind eine kurzfristige finanzielle Entlastung, aber das ist auch schon alles.

Hast Du Dir Deinen Schreibtisch mit all den Pokalen, die Du schon bekommen hast verziert und die Wände Deines Büros mit Urkunden geschmückt? Verrätst Du uns, wie Dein Schreibumfeld zu Hause aussieht? Oder bist Du ein Autor, der gar nicht zu Hause schreibt?

Mit den Pokalen geht es mir wie dem Thomas Becker, ich weiß nicht, wo die alle sind. Einer steht auf der Toilette, meine Eltern und Kinder haben auch welche, die Urkunden liegen in irgendwelchen Schachteln. Ich muss die nicht dauernd sehen, sonst geht es mir wie der Jelinek, deren Putzfrau sich geweigert hat, weiter bei ihr zu arbeiten, weil sie die Nobelpreismedaille in einer Vitrine gesehen hat, und meint, dass bei Leuten, die so etwas rumliegen haben, eingebrochen wird … Gut, ich hab solche Medaillen nicht, aber auch keine Putzfrau. Schreiben tu ich immer noch im Bett.

Manche Autoren schreiben parallel an mehreren Projekten, wie läuft der Schreibprozess bei Dir ab?

Ich schreibe immer intensiv an einer Sache, schon das ist kompliziert genug. Dann mache ich Pausen für zwei, drei Monate und widme mich anderen Projekten.

Hast Du Testleser, oder schickst Du Deine Manuskripte direkt an den Verlag?

Manchmal lese ich meiner Freundin ein, zwei Kapitel vor, aber meist geht das Zeug ziemlich direkt an den Verlag. Im Theater gibt es mehr und schon früher Diskussionen über einen Text, weil da sehr bald Entscheidungen getroffen werden müssen – Besetzung, Bühnenbild, etc. Manchmal wünsche ich mir das auch für Romane, aber es kann eine Sache auch zerreden.

Zurück zum Thema Krimi: Du meintest einmal originell, Du schriebest keine Krimis, sondern „Literatur mit Leiche“. Manche Kollegen fanden das despektierlich. Was hältst Du vom aktuellen Literaturbetrieb – speziell vom Krimigenre?

Ich habe mit dem Betrieb nicht viel zu tun, aber manchmal habe ich nette Abende mit Kollegen, was ich dann immer als sehr bereichernd empfinde. Der Betrieb macht uns halt zu Konkurrenten, was sehr schade ist, da die meisten ja etwas Ähnliches wollen.

Gerade die Krimiautoren gelten als besonders kommod und gut vernetzt. Ist das so etwas wie der einzige Weg, um in der Flut an neuer Literatur Oberwasser zu behalten? Wie funktioniert das bei Dir?

Vernetzt bin ich nicht, dafür bin ich viel zu wenig geschäftig. Die Flut an Publikationen ist beängstigend. Ich habe mir mit meiner Freundin zu Beginn der Pandemie ein kleines Häuschen im Grünen gekauft, eine bessere Schrebergartenhütte, um aus der Stadt raus zu können. Diese Dinge sind im Speckgürtel Wien sehr begehrt. Jedenfalls hat mich jetzt die Maklerin von damals kontaktiert, weil sie ein Buch geschrieben hat, natürlich einen Krimi. Nicht einmal schlecht, aber heutzutage schreibt einfach jeder.

Mit dem Erfolg steigt auch der Druck. Wie gehst Du damit um, oder prallt das an Dir ab?

Für mich gibt es vor allem einen Druck, das Buch soll so gut sein, dass der Verlag weiter mit mir arbeiten will, und ich mir den luxuriösen Zustand leisten kann, nicht über Geld nachdenken zu müssen, was mit Kindern und Exfrauen weiß Gott nicht immer der Fall ist.

Wann und wo wird man Dich das nächste Mal live erleben?

Das klingt jetzt etwas hochtrabend, aber meine nächste Lesung ist tatsächlich in New York, wo ich zur Recherche für die nächsten zwei Bücher hin muss.

Vielen Dank für das Gespräch!