09/2021 Interview mit Volker Backert

Copyright Volker Backert

Volker, viele Leser kennen dich, manche nicht. Magst du dich ganz kurz selbst vorstellen – in 5, 6 Sätzen?

Gern! Ich komme vom schönen Obermain, aus dem Dreieck Coburg – Bamberg – Lichtenfels und arbeite hauptberuflich bei der Stadt Coburg: Dort hab ich achtzehn Jahre lang als Abteilungsleiter für öffentliche Sicherheit eng mit der Polizei zusammengearbeitet. Das hat mir manch wichtige Inspiration und Information fürs Krimischreiben geliefert. Inzwischen bin ich ins Standesamt gewechselt – mein Verlag nennt mich seitdem „Deutschlands einziger Krimi-Autor mit der Lizenz zum Eheschließen“…😊

Du warst zweimal beim Fine Crime in Graz. Auch nicht ums Eck für einen Coburger. Wohin haben dich deine Lesereisen schon geführt? Was waren die weitesten, exotischsten Auftritte?

Ja, Graz war in der Tat ein absolutes Highlight für mich! Das Festival und die Stadt selbst – einfach toll! Fast genauso weit war es zur Lesung bei der Criminale in Bern. Als besonders exotische Schauplätze fallen mir das Polizeipräsidium in Nürnberg ein, wo ich einmal gemeinsam mit den hochgeschätzten Kollegen Horst Eckert und Rainer Wittkamp (der letztes Jahr leider verstorben ist) lesen durfte sowie das unterirdische Grabungsmuseum in Coburg. Nicht zu vergessen: eine Schaufensterlesung in Graz!

Gibt es da eine Anekdote, die dir einfällt – irgendwas?

2013 in Bern: Damals hatte ich gerade erst meinen zweiten Thriller („Todesfessel“, nach „Das Haus vom Nikolaus“) auf dem Markt, ich freute mich schon allein darüber, dass ich überhaupt für eine Lesung bei der Criminale im Ausland zugelassen wurde. Umso größer mein Erstaunen, als es vor Ort dann sogar hieß: „Die Lesung ist ausverkauft, 50 Leute kommen!“. Ich war völlig von den Socken, der heißersehnte internationale Erfolg – endlich stand er vor der Tür!

Dachte ich zumindest. Hinterher erfuhr ich dann, dass ein lokaler Sponsor, die Käserei Moser, alle Karten „blind“ gekauft und unter seinen Mitarbeitern verschenkt hatte… 😊

Wie hast du Graz in Erinnerung?

Es war bei mir „Liebe auf den ersten Blick“, 2017 bei der Criminale: Diese wunderbare, grandiose Altstadt an der Mur mit ihren Gassen, Cafés und Lokalen, die Straßenbahn, das Kunsthaus (mit einem großartigen Museumsshop!) … Graz steht (aus deutscher Sicht, aus der Ferne) völlig zu Unrecht im Schatten der „üblichen Verdächtigen“ Wien, Salzburg, Innsbruck. Ein echter Geheimtipp eben.

Du gilst als Hard-Boiled-Autor. Ein Genre, das spätestens seit Karen Slaughter auch sehr mehrheitsfähig ist. Bist du selber aber auch ein Hard Boiled Typ?

Als Leser auf jeden Fall: Gibt es etwas Schöneres als einen atemberaubenden „Pageturner“ wie z.B. einen Don Winslow mit seiner Trilogie über den mexikanischen Drogenkrieg?

Privat: ein „Hard Boiled Typ“? Ich hör zwar Rockmusik, trage gern Lederjacke und fahr auch Motorrad, aber ich würd‘ mich trotzdem als friedlichen, ausgeglichenen Menschen bezeichnen ;))

Bist du in der glücklichen Lage vom Schreiben leben zu können?

Nein, soweit, dass ich auf meinen „Brotberuf“ Standesbeamter (s.o.) verzichten kann, bin ich leider noch nicht…

Wie arbeitet Volker Backert? Wie kann man sich dein Büro vorstellen?

Eine Zweizimmerwohnung im zweiten Stock: Mein Schreibtisch steht im Wohnzimmer, durch Zimmerpalmen schau ich hinaus auf Balkon, Bäume, Hausdächer, Wald und Himmel. Rechts von mir ein Blechschild mit einer Werbung des Goldmann-Verlags aus den 50ern: Der gute alte Edgar Wallace, die Zigarettenspitze in der Hand, blickt ernst und mahnend auf mich herab („schreib‘ endlich!“). Und er tut gut daran, denn links von mir stehen verführerische Regale mit so vielen schönen Büchern, CDs und Platten…

Und wie schaut ein typischer Schreib-Arbeitstag bei dir aus?

Werktags eher schwierig: In der Mittagspause mit Notizbuch (der Klassiker, das schlichte schwarze Moleskine) im Café, da geht’s eher um Ideen, Strukturen, grobe Szenenentwürfe. Keine Texte. Abends ist dann immer die Frage, wie lang die Konzentration nach Büro, Sport (Laufen oder Rennrad), Essen noch reicht. Am produktivsten ist eindeutig der Samstag, da sitz ich ab 8 am Schreibtisch und bleib vier, fünf Stunden wirklich dran. (Geht natürlich nicht, wenn ich Samstag Trauungen machen muss).

Du hast sicher literarische Vorbilder – welche sind das?

Vorbilder im Sinn eines „Nacheifern-wollen“ habe ich keine. Geprägt und gefesselt haben mich aber von klein auf (in chronologischer Reihenfolge) Enid Blyton, Karl May, Agatha Christie, Dick Francis. In den letzten Jahren dann vor allem US-Autoren (Dick Winslow, George Pelecanos).

Welches deiner eigenen Bücher gefällt dir am besten. Und warum?

Immer das aktuelle, also „Oktobernacht“! 🙂 Du kannst das als Autorenkollege vielleicht bestätigen, da steckt man einfach emotional noch am tiefsten drin. Bei mir kommt hinzu, dass „Oktobernacht“ der erste Thriller ist, der die Regionalschiene komplett verlässt und den ich aus Sicht einer weiblichen Protagonistin (der TV-Moderatorin Hannah Steiner) erzähle. Das war, gerade zu Beginn des Schreibprozesses, eine ganz neuartige und besondere Herausforderung. Scheint aber nicht ganz misslungen zu sein: „Oktobernacht“ ist mein erster Roman, der auch übersetzt wird. Am 30.9. kommt in Italien „Quella notte di ottobre“ auf den Markt.

Du bist derzeit im Krimi-Genre gepachtet. Gibt es auch andere Projekte von dir – vielleicht welche, die noch nicht veröffentlicht wurden.

Literarische Projekte außerhalb des Krimi-Genres gibt es keine. Innerhalb des Genres gab es letztes Jahr eine interessante Kooperation mit der Kirche, einen „Krimi-Gottesdienst“:

https://www.obermain.de/lokal/main-rodach-steinach/krimi-gottesdienst-in-der-johanneskirche-michelau;art2999,844144

Woran arbeitest du gerade. Magst du uns etwas davon erzählen? Nur ein bisschen…

Nach dem Buch ist vor dem Buch (frei nach Sepp Herberger): Klar, ich arbeite am nächsten Roman. Er wird am Main spielen (Arbeitstitel: „Der Fluss, die Frauen und der Tod“) und einen sehr langen Zeitraum umfassen. Ein ungeklärte Mordserie im Jahr 1959 weist unheimliche Parallelen auf zu einem aktuell wütenden Serienmörder…

Wann und wo wird man dich demnächst wieder sehen?

Hier in der Region wird’s voraussichtlich Ende September/Anfang Oktober weitergehen. Und natürlich würde ich mich wahnsinnig freuen, irgendwann mal wieder in Graz bei FINE CRIME dabei sein zu dürfen…!